oder: philosophische Ansichten zur bewegten Luft.

Folge 7: Hallo liebe Freunde der Stimmführung,

ein entsetzlicher Fehler ist uns in der letzten Folge unterlaufen, stand dort doch geschrieben, C Dur über A als Basston ergibt Em7. Und wenn ihr diese sensationelle Weisheit in ein Arrangement eurer Band habt einfließen lassen und diese hat sich in der Zwischenzeit aufgelöst - mea culpa!
Aber um euch zu trösten und will ich euch heute aufzeigen welche Weisheiten auf einen Komponisten, Künstler oder Produzenten im wirklichen Leben niederprasseln. Oder mit anderen Worten: was passiert wenn die wunderbare Welt der 12 Töne kollidiert mit der grausamen Welt der Einfältigkeit.

Wobei wir zuerst mal zur Frage kommen - müssen diese zwei Welten kollidieren?

Nun es gibt natürlich Menschen die seit 15 Jahren Exclusivauftritte vor ihrer Hauskatze im Wohnzimmer geben und dort komplexe Beboplicks eingebunden in mehrstündige Kompositionsmeisterwerke zum Besten geben - aber irgendwann im Leben eines jeden Künstlers kommt der Augenblick in dem er den Schritt nach außen macht und vor Publikum tritt, seine Tapes einem A&R Manager vorspielt und das ist ja wohl auch irgendwie der Sinn des Erzeugens von bewegter Luft.(Musik)

Und dies ist irgendwie ein heikler Augenblick für jeden Musiker, denn wenn wir davon ausgehen das die Musik die er macht von Herzen kommt und von hoher emotionaler Bedeutung für ihn ist, so ist dieser Kontakt mit der Außenwelt auch immer so eine Art Auslieferung seiner selbst an das jeweilige Publikum, ob A&R via tape oder Live-Publikum.

Und ich glaube jeder von uns kennt Leute, die zwar höllisch gut sind aber mit dieser Situation einfach nicht zurechtkommen und zum Teil daran scheitern daß sie Wutanfälle, Depressionen oder Fußpilz bekommen wenn der A&R ihr Demo ablehnt oder das Publikum während eines 7 minütigen Gitarrensolos (oder noch schlimmer: Saxophonsolos) anfängt sich übers Wetter zu unterhalten.

Wobei hier die grausame Formel gilt - je mehr einem an der dargebotenen Musik liegt, desto schlimmer sind evtl. Magenschmerzen die man bei negativer Reaktion der Außenwelt kriegt.

Nun sollte man daran aber nicht verzweifeln, schließlich macht das ja auch einen gewissen Teil des Reizes beim Musikmachen aus - Musik ist die schönste Form der Kommunikation, doch auch hierbei kann es zu evtl. Kommunikationsproblemen kommen.

Bedauerlicherweise gibt es extrem unsensible Zeitgenossen die einen mit ihren Musikkalenderspruchweisheiten schier zur Verzweiflung bringen können - seid gut vorbereitet auf solche Verbalergüsse und sie können euch nichts anhaben.

Zur Abhärtung hier einige der gängigsten:

- Irgendwie ganz gut aber es groovt nicht -

- Die snare knallt nicht so richtig -

- Ich hör den song nicht -

- Der Refrain geht nicht auf -

- Auf der Gitarre war zuviel chorus drauf -

- Warum singt ihr nicht deutsch? -

- Warum singt ihr nicht englisch? -

- Is ganz gut aber irgendwie nix neues -

- Das läuft doch nie im Radio -

- Also meine Tochter steht mehr auf spice girls -

- Gute Musik aber schlechte performance -

- gute performance aber die Musik geht nicht ins Ohr -

- vielleicht noch mal neu abmischen -

- ich spiels mal den Kollegen vor -

- irgendwie nicht abgefahren genug -

Ich könnte noch meterlang weiterschreiben, aber es kann noch viel schlimmer kommen als seine Musik einem A&R oder Publikum zu präsentieren - stellt euch vor ihr habt einen Auftraggeber für eure Musik! Also jemand der euch (in der Regel viel zu wenig) Geld dafür gibt das ihr ihm z.B. Musik zu einem Fernseh- oder Kinoclip oder für einen Rundfunkjingle für seine Metzgerei um die Ecke oder auch eine Vereinshymne für den örtlichen Schützenverein zur Welt bringt.

Das ist ja alles nicht so schlimm, aber ratet mal mit welcher Ansage solche Menschen in 90% aller Fälle zu euch kommen werden? - logisch: "Mach doch mal was wie.."

auweia...

Also mal ganz ehrlich, wer von euch kennt nicht songs oder commercials bei denen jemand ganz offensichtlich geklaut hat - meist weil er den Auftrag - die Lizenz zum Abkupfern - von seinem Brötchengeber (record company, Werbeagentur o.ä. künstlerische Institutionen) bekommen hat.

Durchschaut man dieses Unterfangen sofort, also aufs erste Ohr, so wurde meiner Ansicht nach der Job schlecht ausgeführt.

Viele Komponisten und Producer sind nämlich ihrerseits geistlos genug das Ursprungswerk Note für Note rauszuhören (schöne Übung eigentlich) um dann genau 1 Note und einen halben Akkord zu ändern um es anschließend stolz als ihr neues Meisterwerk zu präsentieren.

Solche Menschen sollten sich vielleicht eher um einen Job bei der japanischen Automobilindustrie bemühen.

Bekommt man nämlich von seinem Auftraggeber die Ansage "mach doch mal so was ähnliches wie..", so hat dieser meist eine bestimmte Stimmung oder auch nur eine arrangementmäßiges Detail (4-Takte Intro dann beat o.ä.) im Kopf, ist aber nicht in der Lage sich anders zu artikulieren. (Was eindeutig daran liegt das er wahrscheinlich die ersten 6 Folgen dieses Workshops hier nicht gelesen hat)

Also sagt sie/er/es "mach doch mal was wie...?" oft wird auch das abzukupfernde Werk gleich anschließend auf dem örtlichen Radiowecker vorgespielt oder ist schon als Layout auf dem Videoband, bzw. wird als CD mitgeliefert.

Um nun nicht auf den äußerst peinlichen Plagiatstrip zu kommen habe ich mir für solche Fälle folgende Arbeitsweise angewöhnt:

Grundregel Nummer 1:
Ich höre mir das betreffende Werk höchstens 2 Mal an, überlege mir dann genau was meinen Auftraggeber zur Meldung "mach doch..." bewogen hat, suche praktisch des Gedudels Kern und versuche dann dieses Spezielle etwas anders zu erzeugen, denn darum geht es schließlich bei dem Ganzen.
Falls es dem Auftraggeber darum geht sich den Bekanntheitsgrad des Originals zu Nutze zu machen, so muß er leider in den sauren Apfel beißen und sich die Nutzungsrechte beim betreffenden Verlag erwerben, die müssen schließlich auch von was leben. (Spendenkonten div. Verlage in der nächsten Folge)

Grundregel Nummer 2
wäre dann, nie sein eigenes Ergebnis mit dem Original zu vergleichen - das macht keinen Sinn, denn das "Neue" ist eh besser.

Das alles ganz anders kommen kann, als man denkt, soll euch folgende - leider wahre Geschichte - aus meinem tristen Leben zeigen.

Wir bekamen zu unserer großen Freude den Auftrag im Stile des Brian Adams Songs "Did you ever really love a ..." (Macht doch mal was wie...) zu komponieren und vorzuproduzieren als Titelsong für eine SAT 1 Serie.

Nach den vorher beschriebenen 2 Grundregeln (wobei wir Regel 1 so interpretiert haben das null mal anhören auch unter höchstens 2 mal anhören fällt) entstand binnen einer Woche ein Traumsong der mit stolzgeschwellter Brust präsentiert wurde.

Zurück kam die, für uns doch etwas überraschende Ansage : "Mensch echt super, aber das ist ja ne Ballade geworden"

Das war dann ein eher nicht so schöner Moment für uns zumal wir ja irgendwie versuchen mußten cool zu bleiben, was uns bis auf ein evtl. leicht verräterisches Zucken und vibrieren der Nasenflügel toll gelungen ist.

Nach einem weiter halben Jahr toller Gespräche ("Also meine Tochter steht mehr auf Spice Girls", "Etwas mehr Pepp") lieferten wir dann eine midtempo Powerpop Nummer mit weiblichem Gesang ab.

Ich werde trotzdem, oder gerade deshalb, weiter an meinen 2 Grundregeln festhalten.

In diesem Sinne - nieder mit den Plagiatoren!

Onkel Hermann