oder: philosophische Ansichten zur bewegten Luft.

Folge 6: Hallo ihr Harmoniebedürftigen,

nachdem wir 5 Folgen lang harmonielehremäßiges bodybuilding betrieben haben und nun wissen, was Intervalle sind und wie sie klingen, was Stufen, Kadenzen, Optionen sind und wie sie uns in freier Wildbahn begegnen können und das alles meistens halb so kompliziert ist wie es sich zunächst mal anhört und das ihr das meiste eigentlich sowieso schon kanntet und bloß keinem dämlichen lateinisch pseudowissenschaftlich klingendem Begfriff zuordnen konntet wollen wir nun gemeinsam anhand von einigen schönen Beispielen versuchen unser Wissen umzusetzen und zu nutzen.

Zu diesem Zweck nehmen wir gängige und mehr als häufig verwendete Akkorfolgen wie z.B. eine VI II V I oder eine I IV V Kadenz und schauen und hören mal was man durch geschicktes arrangieren, Hinzufügen und Weglassen von bestimmten Tönen oder durch pfiffige Basslinien oder Oberstimmen alles aus solchen zunächst mal 0815 mäßigen Akkordfolgen machen kann.

Widmen wir uns zu Beginn gleich einmal der VI II V I Kadenz. Auf dem Papier nach rein theoretischen Kriterien sieht das Ganze aus wie folgt:

Abb.1a,
Dreiklangvariante,

Abb. 1b
Vierklangvariante

Ich möchte euch bitten die Beispiele gleich an eurem Instrument umzusetzen. Im Fall dieser beiden Varianten werdet ihr dann ganz schnell feststellen, daß sie auf dem Papier ganz nett aussehen, aber so in die Praxis umgesetzt noch stark verbesserungswürdig sind. Hierbei wollen wir einige der oben bereits erwähnten Taktiken anwenden.

Was euch vielleicht bereits negativ aufgefallen ist sind die großen Sprünge die zwischen den einzelnen chords liegen, deshalb versuchen wir zunächst einmal die Einzelstimmen möglichst wenig zu bewegen auf dem Weg vom einen Akkord zum nächsten - im Fachjargon gesprochen betätigen wir uns also in der Kunst der Stimmführung.

Und um den so umgemodelten Akkorden ein schönes Fundament zu liefern verfrachten wir einfach die Grundtöne mal eine Oktav nach unten, was die Anwesenheit derselbigen im oberen Bereich evtl. überflüssig macht, ich hab sie in den darauffolgenden Abbildungen dennoch mal dringelassen.

Abb. 2 a

Abb. 2b

So klingt das Ganze sofort runder und kompakter, bitte beachtet das wir jeweils von der Grundlage (1 3 5 7) des A moll Akkordesgestartet sind und ausgehend von diesem versucht haben möglichst wenige Töne herumzuwirbeln.

Probiert das Ganze doch einfach mal ausgehend von den anderen Lagen (3 5 7 1, 5 7 1 3 und 7 1 3 5) des A moll Akkordes und ihr werdet sehen diese Taktik bewährt sich auch dort.

Beispiel 2 hat uns speziell bei seiner Vierklangvariante eine sehr ?enge Lage? beschert die z.B. zum Umsetzen auf der Gitarre sehr schwierig werden dürfte.

Und so kommen wir zu einer weiteren Taktik - wir versuchen "weite Lagen" zu kreiren, d.h. der Akkord wird seiner "Spannweite" vergößert und reizvolle Akkordvoicings z.B. durch viele Quart- oder Quintabstände innerhalb der Akkorde sind die äußerst angenehme Folge.Also wir nehmen einfach Töne aus der bisherigen Akkordformation raus und legen sie eine Oktav höher oder tiefer.

Abb. 3a

Abb. 3b.

3a kriegt durch die Quart und Quintabstände einen kraftvolleren touch und bei 3b werdet ihr euch wundern weshalb eure geliebten Vierklänge nun auf einmal zu Dreiklängen zurückgestutzt wurden.

Nun spielt doch mal diese Variante auf eurem Instrument und ihr werdet merken: denen fehlt ja gar nichts - naja genaugenommen fehlt ihnen eigentlich nur jeweils die Quinte aber ihr seht, es geht auch sehr gut ohne und die chords behalten ihren Charakter bei denn die aussagekräftigen Töne - die Terz und die Septim bilden bis auf G7 eine schöne Quart (setzt man den unteren der beiden eine Oktav nach oben bilden sie eine Quint) und dies ist die gute Nachricht für alle Rocker: Jagt diese beiden Töne jeweils durch euren sensationellen Verzerrer und lasst euren Basser den Grunton spielen und ihr erhaltet einen extrem rockigen Cmaj 7. Aber auch für alle anderen dürfte diese Variante ihre Reize haben.

Das Fazit aus dieser Taktik lautet - weniger ist oft mehr, probiert doch einfach das 137 voicing auch bei anderen Akkordfolgen aus!

Nun zu einer weiteren Möglichkeit eine solche Kadenz aufzupeppen: Die Basslinie bzw. die Basstöne, das oft zitierte Fundament eines Akkordes und ihr werdet staunen wie ein veränderter Basston den Charakter des Akkordgebildes über ihm verändert.

Um euch das vor Augen und Ohren zu führen nehmt doch mal jeden Akkordton eine Oktav tiefer als Basston irgendeinen Akkordes her. Nachfolgend nun nur 3 von unzähligen Möglichkeiten die sich euch bieten wenn ihr etwas von der Vorstellung abrückt, daß der Basston immer der Akkordgrundton sein muß.

Abb. 4a

4b

4c

Wir haben jeweils eine aufsteigende und eine absteigende Basslinie die ihr durch cromatische Durchgangstöne noch interesanter machen könnt und eine schon fast statische Variante, die etwas weiterentwickelt werden könnte indem ihr z.B. das A im Bass während aller 4 Akkorde beibehaltet.

Nach der Unterstimme versuchen wir im nächsten Beispiel die Oberstimme geschickt zu legen.

Abb. 5a

Bei Beispiel 5 besteht die Oberstimme lediglich aus E F F E wir hätten auch C C D C wählen können um eine relativ geichbleibende Oberstimme die evtl von strings gespielt werden kann zu erhalten.

Man kann natürlich hiervon ausgehend auch eine etwas verspielte Oberstimme erfinden.

Abb. 5b


Ein ebenfalls interessanter und oft anzutreffender Gedankenansatz ist die Vervendung von Dreiklängen um über den entsprechenden Basstönen Vierklänge zu erzeugen. Wie bereits in den vorherigen Folgen erwähnt erzeugt ein leitereigener Dreiklang eine Terz über dem Grundton den korrekten Vierklang.

Die Verwendung solcher Dreiklänge, die in sich geschlossen und homogen klingen und außerdem in ein fester Bestandteil unserer Hörgewohnheiten sind, hat den Vorteil das der Vierklang daraus resultierend ein bekannt und kompakt klingendes Element in sich trägt und so gleich etwas vertrauter und poppiger klingt.



Zur Erinnerung: Am7 = C über A

Dm7 = F über D

G7 = H-b5 über G

Cmaj 7 = E- über C

Mit anderen Worten: wir erhalten die Dreiklangsfolge C/F/H-7b5/e- über den Basstönen A/D/G/C.

Wenn wir nun noch auf eine schöne und sinnvolle Stimmführung achten könnte daraus z.B. Folgendes resultieren:

Abb.6

Das klingt schön und rund, ihr könnt das gerne auch ausgehend von einer anderen Umkehrung bzw. Lage des C Dur Dreiklangs probieren.

Später werden wir versuchen noch andere Dreiklänge mit in eine solche Akkordverbindung einfließen zu lassen, doch das ist ein Thema für sich - Polychords.

Kommen wir zum Workshop des letzten Monats - zu Nonen und sonstigen Optionen und machen aus allen Akkorden mal gleich add9 chords, verwenden noch mein Lieblingsvoicing 1 5 9 3 und voila

Abb. 7a Abb. 7b

Ihr könnt auch versuchen die Terz, also die Oberstimme wegzulassen und probiert doch mal die Akkorde sozusagen über die Band zu verteilen, d.h. Bassist spielt Grundton und Gitarrist die 5 und 9 die hier wiederum im Quintabstand zueinander stehen was extremen Verzerrereinsatz ermöglicht! Die Parallelverschiebung der Akkorde klingt alles andere als unangenehm, die Version 7b versucht den Stimmführungsgedanken zu berücksichtigen. Im folgenden Beispiel wollen wir nun Optionstechnisch aus dem Vollen schöpfen und integrieren die 9, die 11 und die 13 in unsere Akkordfolge - und ihr werdet hören, das kann sehr kultig klingen, vergleicht man das Ergebniss mit dem 1. Beispiel, das ja auf der gleichen Kadenz basiert hört man das wir nun schon einen gewaltigen Weg zurückgelegt haben.

Abb. 8

Das H in der Oberstimme hält also den Laden zusammen, bei den ersten beiden imposant klingenden Akkorden ändert sich außer dem Basston nix und auch ansonsten klingt die Akkordfolge nicht so kompliziert wie sie aussieht.

Motiviert von diesem Ergerbniss beschließen wir nun endgültig den Musikanten aus dem Stadel zu lassen und unsere unbegrenzte künstlerische Freiheit wahrzunehmen.

Wir machen nämlich aus allen 4 chords zunächst mal Dominant7akkorde und erhalten so

A7/D7/G7/C7. Nachdem wir auf dieser Akkordfolge 3 Stunden rumgejamt sind und festgestellt haben

das sie irgendwie ragtimemäßig rüberkommt, wir aber gar nicht beim jährlichen Rotarierbarbeque engagiert sind - was auch gut so ist - beschließen wir nun optionsmäßig mal richtig aufzudrehen:

Abb. 9

Wie ihr bemerkt haben wir nicht nur Töne hinzugefügt sondern auch zugunsten der Neuankömmlinge die Quinten wieder mal geopfert und außerdem durch die Optionen eine wunderschöne chromatische Oberstimme erzeugt.

Das macht alles Lust auf mehr - und wenn ihr schön artig seid kommt schon bald eine Bescherung in Form von noch tolleren, schöneren, wohlklingenderen, imposanteren, gößeren, bunteren usw. Akkordfolgen.

Bis dahin - euer Onkel Hermann